08.04.2014

Ein komplexer Cocktail: Alkohol, Sex und niedliche monogame Säugetiere

Wie Alkohol das Verhalten von monogamen Präriewühlmäusen beeinflusst und welche Einsichten das in die unterschiedlichen Funktionsweisen von Gehirnen bei Männern und Frauen gibt.

Fragestellung:
Wie wirkt sich Alkoholkonsum auf das romantische Leben aus? Lassen Sie mich verschiedene Arten aufzählen.

Glaubt man erfolgreichen Werbespots, ist der Konsum hochwertiger Spirituosen fast eine stetige Garantie für eine Vielfalt an glamourösen Liebesaffären. Ich war auch immer überrascht, dass James Bond – zumindest vor Daniel Craig –  seine Wodka Martinis geschüttelt und nicht gerührt zu sich zu nahm. Bond hatte immer jemanden um sich, der seine Martinis gerührt hätte.

Vom niederländischen Mut zu einem geteilten Glas Champagner bis hin zu Sex, an den man sich lieber gar nicht mehr erinnern möchte hat die Wirkung des Alkohols, unsere Hemmungen abzubauen die Art wie  Alkoholkonsumenten sich finden und verbinden verändert. Aber Trinken ist auch eine Ursache und Folge für gescheiterte Beziehungen und dem nicht unerheblichen damit verbundenen Leid.

Daher bin ich vom weltweiten Medienecho heute über einen in den „Proceedings of the National Academy of Science of the US (PNAS)“ erschienenen Artikel fasziniert. Er hat eine unwiderstehliche Kombination von Elementen für eine tolle Schlagzeile: ein süßes kleines Säugetier, Schnaps und ernste Fragen über Monogamie.

Das erste Element, das süße Säugetier, ist die Präriewühlmaus - ein Musterbeispiel für Wunschdenken, Vermenschlichung der Monogamie und die Kraft der Liebe. Heterosexuelle Paare bilden langlebige Bindungen, schlafen zusammen, pflegen sich und ziehen gemeinsam Jungtiere auf.

Die Präriewühlmaus sieht noch tugendhafter neben ihrem zwielichtigen nahen Verwandten der Rocky-Mountain-Wühlmaus aus, die sich eher promiskuitiv paart und keine solchen Paarbindungen eingeht. Was bedeutet, dass ein Vergleich dieser beiden Arten, angefangen bei der Ökologie bis hin zur Molekularbiologie der Gehirnrezeptoren dazu beitragen kann, die Mechanismen herauszufinden, die zur Monogamie bei Präriewühlmäusen führen.

Frühere Arbeiten an diesen Arten brachten die Bedeutung der Hormone Vasopressin und Oxytocin zum Vorschein. Wenn man ihre Ausschüttung bei Präriewühlmäusen unterbindet wird ihr Verhalten genauso promiskuitiv wie das der Rocky-Mountain-Wühlmäuse. Und es stellt sich heraus, dass die Belohnungszentren im Gehirn der Präriewühlmäuse mit Rezeptoren für diese Hormone förmlich überquellen – ganz im Gegensatz zu den Rocky-Mountain-Wühlmäuse. Jahrzehntelange Arbeit an diesen eng verwandten Wühlmausarten haben die Hirnregionen, Rezeptoren und Moleküle, die an der Regulierung des viel bewundertem monogamen Verhaltens der Präriewühlmäuse beteiligt sind in beträchtlichem Detail dargestellt. Im vergangenen Juni wurde sogar die dunkle Magie des 21. Jahrhunderts –die Epigenetik – bemüht um die Neurowissenschaft zu verstehen, die hinter dem „sich Verlieben“ der Präriewühlmäuse steckt.
Aber wie es bei so vielen mythologisierten monogamen Beziehungen der Fall ist - ein dunkles Geheimnis wirft einen Schatte auf die Liebesgeschichte der Präriewühlmaus: die Wühlmaus hat ein kleines Alkoholproblem.

Wühlmäuse können dabei das Mischungsverhältnis nicht nur in der gleichen Weise „selbst bestimmen“, wie ich es tue, wenn ich einen Gin und Tonic selbst mische, sie können auch die Trinkmuster eines Sozialpartners in genau der gleichen Weise beeinflussen wie ich es tue, wenn ich einen für meine Freundin oder Geliebte mixe. Aber anstatt des Geschmacks von Hendricks, Tonic und einem Zitronenschnitz nehmen die kleinen Wuschel lieber eine Mischung aus 1 Teil Äthanol mit 10 Teilen Wasser. Das mögen sie lieber als nur einfaches Wasser.

Mit einem Gespür für eine überzeugende Studie sahen Allison M.J. Anacker und Kollegen eine Gelegenheit zur Untersuchung, wie selbstbestimmter Alkoholkonsum die soziale Bindung und die neuronalen Mechanismen beeinflusst, welche die Präriewühlmäuse monogame Paare bilden lässt. Es stellte sich heraus, dass die Wirkung des Alkohols bei weiblichen und männlichen Exemplaren unterschiedlich ist.

Zusammenkuscheln ist ein zuverlässiger Indikator, dass ein Präriewühlmaus-Pärchen sich bald paaren wird. Männliche Wühlmäuse, die während solch einer Periode des Zusammenlebens Alkohol tranken, kuschelten mit einem fremden Weibchen genauso gerne wie mit ihrem sexuell empfänglichen Partner. Männchen, die nur Wasser tranken, bevorzugten dagegen das Partnertier gegenüber einem fremden Weibchen. Alkohol, so scheint es, beeinträchtigte die Neigung der Männer, sich wie monogame Ausbunde der Paarbindungs-Tugend zu benehmen.

Weibliche Wühlmäuse, die Alkohol getrunken hatten, kuschelten dagegen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit  ihrem Partner als mit einem fremden Männchen. Es scheint, dass Alkohol die Paarbindung seitens der weiblichen Tiere erhöht während es das männliche Engagement in dieser Hinsicht verringert.

Eine detaillierte Untersuchung des Verhaltens der Wühlmäuse, in die schließlich auch das Gehirn einbezogen wurde zeigte, dass Alkohol die für die Paarbindung verantwortlichen Gehirnareale beeinflusst anstatt indirekte Effekte wie Schläfrigkeit oder eine Veränderung des Aggressionsniveaus hervorzurufen. Während des Zusammenlebens mit einem potentiellen Partner getrunkener Alkohol scheint männliche und weibliche Gehirne und Verhalten unterschiedlich zu beeinflussen.

Nun sind wir Menschen natürlich keine Wühlmäuse. Die Entscheidung, wie viel man über menschliches Verhalten aus einer solchen Studie über einen anderen Organismus zu schließen kann stellt immer eine heikle Herausforderung dar. Zu schließen, dass Trinken die Paarbildung beim Menschen in genau der gleichen Weise wie bei den Wühlmäusen tut wäre viel zu weit hergeholt. Aber es wäre auch ignorant zu glauben, dass die Wühlmäuse uns hier nicht wertvolle Erkenntnisse liefern könnten.

Solche Einblicke in die Erforschung von Wühlmäusen haben bereits zu faszinierenden Erkenntnissen über die Rollen von Vasopressin, Oxytocin und ihren Rezeptoren im zwischenmenschlichen Engagement von Partnern und Familien geführt. Männer mit einer bestimmten Form des Vasopressin-Rezeptor-Gens weisen zum Beispiel eine Reihe von Merkmalen auf die darauf hindeuten, dass sie nicht die gleichen tiefen Paar-Bindungen bilden werden wie andere Männer: sie sind weniger engagierte Partner, leiden eher an Eheproblemen, neigen als Partner zur Untreue und folglich dauern ihre Beziehungen nicht so lange.
Alkohol nimmt einen herausragenden und doch komplexen Platz im sozialen und sexuellen Leben vieler Erwachsener ein. Er kann Bindungen verstärken, das Werben um Partner erleichtern und Nähe fördern. Und er kann Stress, Dominanz und Kontrolle und Gewalt entweder abmildern oder erst verursachen. Die Probleme, die von Alkohol ausgehen sind ernst zu nehmen und weit verbreitet, so dass sie nicht vereinfacht oder zu eng ausgelegt werden sollten.

Für mich ist das Interessanteste an der Wühlmausstudie die geschlechtsspezifische Art und Weise, in der Alkohol Paarbindung und Verhalten beeinflusst hat. Das Studium der Unterschiede der Geschlechter in der Gehirnanatomie und -funktion ist ein Bereich gespickt mit Kontroversen und kontrastierenden ideologischen Ansprüchen. Dies ist ein Bereich, in dem das Studium der geschlechtlichen Unterschiede simplifizierendes ideologisches Gezänk über Sexismus ebenso wie geschlechtsfreies Wunschdenken überwinden kann. Das Verständnis der Art und Weise, in der äußere Einflüsse, Gene und Gehirne interagieren hat das Potenzial zu großem Nutzen für die Lösung brisanter und wichtiger sozialer Fragen wie dem Zusammenhang von Alkohol mit dem Funktionieren von Familien.

Professor Rob Brooks ist Direktor des Zentrums für Evolutions- und Ökologieforschung an der UNSW.